Die Sturmflut auf Wangerooge 1962

Kurt zog das große eiserne Tor zu sich heran, bis es zitternd ins Schloß fiel, drehte dann zweimal den Schlüssel herum und zog ihn ab. Der Unimog war sicher in der Halle untergebracht und es wurde jetzt sehr schnell dunkel. Seit drei Tagen blies ein starker Nordwest Sturm, der sich seit gestern Nacht zu einem Orkan entwickelt hatte und der das Wasser daran hinderte bei Ebbe wieder aus dem Watt abzufließen. Er hatte den ganzen Tag über den Westdeich und das seeseitige Deckwerk kontrolliert. Die Tore in den Deichscharts waren schon seit gestern früh geschlossen.
Hamburg hatte Sturmflutwarnung ausgegeben, denn die Elbe stand seit 36 Stunden zwei Meter über Normal und stieg stetig weiter an, die unteren Hafenanlagen waren bereits überschwemmt.

Kurt war froh, daß er jetzt den Wind im Rücken hatte. Er schwang sich auf sein Fahrrad und freute sich schon auf das erste Bier im Krug. Sturmfluten hatte Wangerooge schon so oft erlebt und der Ringdeich ums Dorf war erst vor einigen Jahren verbessert worden. Kein Grund also sich allzu große Sorgen zu machen.

Als er den Krug betrat schlug ihm die rauchige Wärme verbrauchter Luft entgegen und der Wirt gab ihm wortlos ein Bier. Hierher kam er oft nach Feierabend, da bedurfte es nicht mehr vieler Worte. Kurt hatte sich gerade an den Stammtisch gesetzt und den ersten Schluck genußvoll über die Zunge gleiten lassen, als Hinrich hereingestürzt kam. Aus seinen Gummistiefel spritze bei jedem Schritt Wasser und seine Hose war bis zu den Hüften klatschnaß.

Es muß wohl regnen war Kurts erster Gedanke aber er verwarf ihn ebenso schnell wieder wie er gekommen war, draußen war ja strahlend heller Vollmond.

Hinrich prustete, wobei sein Atem die Wassertropfen in feinem Nebel aus seinem Bart fegte.
"Der Deich ist gebrochen," stieß er atemlos hervor, "das Wasser steht schon in der Siedlerstraße."

Einen langen Moment lang war nichts weiter zu hören als das Rauschen der Bierkühlanlage und es kam Kurt unwirklich vor was hier gerade geschah.

"Welcher Deich ?" fragte Heini

"Der Deich im Ostgroden," pustete Hinrich " in der Kugelbake steht das Wasser schon einen halben Meter hoch."

Kurt setze sein Bierglas so hart auf den Tisch zurück, daß der Glasfuß klirrend abbrach und zu Boden fiel. Das brachte ihn sofort wieder zur Besinnung. Er mußte nach Hause, Vater Friedrich war allein zu Haus und wenn das stimmte was Hinrich da erzählte, dann war das Wasser bestimmt schon am Haus, wenn nicht sogar schon drinnen im Haus.
Er riß seine Jacke vom Garderobenhaken, setzte sich seine Strickmütze auf und stürmte nach draußen. Hinter dem Bahnübergang sah er, daß die Siedlerstraße tatsächlich schon fast ganz unter Wasser lag. Er stieg in die Pedale und rauschte durch die Pfützen. Am Flugplatz wurde die Straße dann wieder etwas trockener. Der Weg zum Osten war gerade noch passierbar und als Kurt zu Hause ankam sah er, daß das Wasser bereits bis zur unteren Kante der Festersimmse stand.

Er ließ sein Fahrrad am Deich liegen und watete zur Eingangstür. Er hörte wie die Kuh im Schuppen an der Kette zerrte. Drei seiner Hühner hatten sich bereits auf das Hausdach gerettet und balancierten auf der rutschigen Dachpappe gegen den Wind. Zwischen dem Pfeifen des Windes hörte er irgendwo da draußen das Quaken seiner Gänse.

Die Tür ließ sich nicht öffnen und Kurt war schon in Versuchung eines der Fenster einzuschlagen, als ihm einfiel, der Alte könnte die Tür abgeschlossen haben, vielleicht in der Hoffnung dem Wasser so den Zutritt zum Haus zu versperren. Mit klammen Fingern fummelte er den Haustürschlüssel aus seinen nassen Hosen und öffnete die Tür.
Zwei Gaslampen gaben flackerndes Licht und in diesem Dämmerlicht erkannte Kurt sofort, daß hier nicht mehr viel zu retten war. Das Wasser ging ihm jetzt bereits bis über die Hüften und er vermutete, daß es nicht mehr lange dauern würde, bis es höher als zwei Meter stand.

Er rief nach Vater Friedrich und als der antwortete wußte Kurt, daß ihm nicht nur nichts passiert war, sondern, daß der Alte obendrein auch noch stinksauer war.

"Wullt ji mi hier denn heel alleen versupen laten ?" tönte die Antwort aus der Küche, Vater Friedrich hockte mit angezogenen Beinen auf der Anrichte. Der Kater lag klatschnaß und zitternd neben der Kaffeemühle.

"Kümmer di üm dat Vehwark", war die nächste Anweisung an Kurt.

"Toeerst halt wi Di hier mal rut!" Kurt schob ein paar Einmachgläser und Töpfe zur Seite, die ihm entgegen schwammen, packte Vater Friedrich am Arm und zog diesen über die Schulter. Den Alten Huckepack ertastete er sich vorsichtig den Weg nach draußen, bis zur Treppe am Deich. Dort setzte er ihn ab, packte unter seine linke Achsel und zog den Alten nach oben auf die Deichkrone. In dem Sturm hatte man das Gefühl der Wind käme von allen Seiten. Die Gischt spritzte in schmutzigen Flocken über den Deich. Er setzte den Alten auf der Innenseite des Deiches ab und stolperte die Treppe wieder hinunter.

Im Schuppen hinter dem Haus wurde das Poltern immer lauter und als er neben dem Koben stand sah er, daß das Kalb und die Schafe bereits wild hin und her schwammen, soweit Ihnen der Schuppen Platz dazu ließ. Die Kuh stierte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und zerrte an der Kette, stand aber noch auf festem Boden. Er nahm sich die Halteseile von der Wand, öffnete den Verschlag und knotete jedem Schaf ein Seil um den Hals. Dann griff er sich das Kalb und zerrte die Tiere hinter sich her zur Deichtreppe. Oben angekommen drückte er Vater Friedrich die Taue in die Hand und war schon wieder auf dem Weg nach unten.
Die Kuh versuchte sich zu drehen und zerrte heftig an dem Seil, daß um ihren Hals lag und mit der Kette verknotet war. Kurt versuchte sie mit einem Schlag in den Bauch dazu zu bringen weiter nach vorne zu gehen, damit er den Koten lösen konnte, aber die Kuh drängte in ihrer Panik immer weiter nach hinten. Mit steifgefrorenen Fingern versuchte Kurt den Knoten zu lösen, aber je mehr die Kuh zog, desto fester zog sich der Knoten zusammen. Seine Beine waren schon bis zu den Hüften ohne Gefühl und die Aufregung und die Kälte jagten einen Kälteschauer nach dem anderen durch seinen Körper. Er sah sich nach einem Werkzeug um, mit dem er das Seil zerschneiden konnte, aber außer einem Brecheisen, daß er tags zuvor auf einen Balken gelegt hatte war in der Dunkelheit nichts auszumachen. Mittlerweile stand der Kuh das Wasser bis zum Hals und es würde keine zehn Minuten mehr dauern, bis sie ertrunken war.

Er griff sich das Brecheisen und versuchte den Eisenring in der Wand aus der Verankerung zu lösen, aber in der Dunkelheit konnte er das Brecheisen unter Wasser nicht richtig ansetzen.
Mit tauben Händen wollte er ins Haus um sich ein Messer zu besorgen, als er merkte, daß sein rechter Fuß festsaß. Das Wasser stand im bis zu den Achseln und unterhalb der Hüfte spürte er gar nichts mehr. Er versuchte mit einer Drehung nach links den Fuß zu befreien, aber ergebnislos. Er zog das Bein an und ein wenig hob sich der Fuß, aber er saß immer noch fest. Kurt dachte einen kurzen Moment lang, ob hier denn wohl nun das Ende seiner Reise gekommen wäre und, ob er hier am Ende der Insel jämmerlich ersaufen sollte.

Er holte tief Luft, ging in die Hocke und tastete nach dem Ding, daß ihn hier festhielt. Als er wieder auftaucht wußte er, daß er mit dem Fuß in den Speichen seines alten Fahrrades festsaß. Er griff in die Hosentasche, wickelte sich sein Taschentuch um die Hand, tauchte abermals ab und riß mit aller Gewalt einige Speichen aus dem Rad, bis er seinen Fuß daraus befreien konnte.

Die Kuh gab jetzt kein Lebenszeichen mehr von sich und Kurt vermutete, daß er hier wohl nichts mehr ausrichten konnte. Er ging noch einmal durchs Haus, um vielleicht doch noch irgend etwas zu retten, was sich jedoch als sinnlos erwies, zog die Haustür hinter sich zu und kletterte zu Vater Friedrich auf den Deich.

"Wat mackt wi mit denn Vehwark?" bellte der ihm durch den Sturm entgegen.

Erst jetzt bemerkte Kurt, daß er immer noch das Brecheisen in der Hand hielt. Er nahm Vater Friedrich die Seile aus der Hand, führte die Tiere zum nahegelegenen Vogelwärter Häuschen, daß oben in den Dünen lag und hebelte mit dem Brecheisen die Tür auf. Hier stand sein Vieh bis morgen warm und trocken und warum er hier eingebrochen war konnte er dann immer noch erklären.

Zurück bei Vater Friedrich sah er, daß der Alte im Gras saß, sich die Schuhe ausgezogen hatte und seine Strümpfe auswrang.

"De Gaslamp brennt noch" knurrte der Alte

"Lot se brenn," erwiderte Kurt, "wenn dat Water stiggt, geid se von alleen ut."

"Hest Du denn de Döör afschluten" meckerte der Alte weiter.

"Dien Sorgen wull ick wohl hebben, we möt seen dat wie nan Dörp rin kommt, dat Water stiggt as jümmers sünst un de Padd is ok all ünner Water."

Die Hetzerei hatten Kurt vergessen lassen, daß er von Kopf bis Fuß klatschnaß war. Und, so wie wieder Leben in seine Beine kam, kamen auch die Schmerzen und die Kälte wieder. Sie mußten zusehen, daß sie so schnell wie möglich ins Dorf zurück kamen. Es blieb ihnen nichts weiter übrig als durch die Dünen zu gehen. Das war zwar sehr beschwerlich und mit dem Alten bestimmt keine Freude, aber der Vollmond spendete genügend Licht um einigermaßen ungefährdet das Dorf zu erreichen.

Nach einigen Hundert Meter erreichten sie einen alten Wehrmachts-Bunker, in dessen versandeten Einstieg sie ein paar Minuten ausruhen konnten. An der Radarstation stiegen sie über den Stacheldrahtzaun und kauerten sich an die windgeschützte Seite der Mauer. Vater Friedrich zitterte aus Leibeskräften und wenigstens jetzt war er zu erschöpft um auch nur einmal über irgend etwas zu meckern. Nach fünf Minuten rüttelte Kurt den Alten an der Schulter, aber Vater Friedrich schüttelte nur den Kopf. Er wollte einfach nicht weiter. Ohne weiter auf den Alten zu achten zerrte Kurt ihn vom Boden hoch und schubste ihn die schmale Auffahrt hinunter. Das Eingangstor bog er soweit auf, daß sie beide hindurchschlüpfen konnten und zehn Minuten später standen sie bei Hinni vor dem Haus und klopften an die Eingangstür.

Als Kurt das überheizte Wohnzimmer betrat erwischte ihn die Wärme wie ein Hammerschlag, wie in Zeitlupe verengte sich sein Blickfeld, bis nichts mehr übrig war als tiefes Schwarz.

Als er wieder erwachte stach ein scharfer Geruch in seine Nase. Hinni hatte ihm die Jacke und die Hemden ausgezogen und rieb seinen Oberkörper mit dem 56 prozentigen ab, den er sich im letzten Sommer von Helgoland mitgebracht hatte. Vater Friedrich, der am Ofen saß, lamentierte, daß der Junge sich schon wieder von allein erholen würde und Hinni sollte den guten Schluck nicht dafür verschwenden dem Kerl die Brust damit einzureiben, sondern lieber ihm, der schließlich entsetzlich durchgefroren war einen Grog davon zubereiten.

Nun, Kurt erholte sich schnell wieder, Vater Friedrich hatte am nächsten Tag einen ausgewachsenen Kater, weil eben Grog von 56 prozentigem ganz schön in die Birne steigt, die Kuh war ertrunken und das Kalb und die Schafe mußten dann doch noch geschlachtet werden, weil sie sich eine Nierenentzündung geholt hatten. Nur die Gänse und die Hühner fanden sich nach einigen Tagen wieder ein und Kurt ist bis heute davon überzeugt, daß sie wohl mit dem Sturm nach Wilhelmshaven getrieben worden sind, es ihnen dort aber zu lanweilig gewesen wäre und überhaupt nicht gefallen hätte und sie gerade deshalb auch so schnell wieder zu ihm zurück gekommen wären.

So war das wohl im Februar 1962.
von Heino Plagenz

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